Sekundäre Pflanzenstoffe in der Pferdefütterung
- Jessica Scherer

- 6. Jan.
- 4 Min. Lesezeit
In diesem Beitrag wollen wir uns mal mit dem Thema sekundäre Pflanzenstoffe beschäftigen und warum sie für uns in der Pferdefütterung den gleichen Stellenwert haben, wie die Versorgung mit anderen Nährstoffen.
Schauen wir einmal in die Vergangenheit. All unsere heutigen Pferderassen stammen vom Equus Caballus ab, das von Amerika aus zu Zeit der Eiszeit bei uns einwanderte. Zu dieser Zeit fanden die Pferde ein Landschaftsbild geprägt von Tundren und verschiedenen Steppentypen vor. Denn eine Steppe ist nicht immer die vertrocknete Graslandschaft aus den Westernfilmen. Es gab Waldsteppen, Kaltsteppen, Feuchtsteppen, Bergsteppen und auch die Grassteppen. In Fossilien wurden anhand der DNA als Futtergrundlage Moose, Flechten, Gräser, Kräuter, Rinden, Wurzeln und Knollen nachgewiesen.
Das Verdauungssystem unseres heutigen Pferdes ist als selektiver Dauerfresser immer noch auf diese energiearme und rohfaserreiche Nahrungsgrundlage angepasst. Evolutionär hat sich nichts daran verändert. Diese Futtergrundlage bedeutet aber auch eine große Menge an sekundären Pflanzenstoffen. Denn jede Pflanzenart hat einen anderen Schwerpunkt. In unserer heutigen Fütterung, die oft von Süß- und Turbogräsern und immer weniger Artenvielfalt geprägt ist, entsteht daher ein echtes Defizit an sekundären Pflanzenstoffen. Was das bedeutet, wollen wir hier einmal beleuchten.
Was sind sekundäre Pflanzenstoffe?
Natürlich produzieren Pflanzen diese Stoffe nicht aus Nettigkeit. Sie erfüllen im Pflanzenstoffwechsel diverse Aufgaben, wie zum Beispiel die Abwehr von Fressfeinden, Pilzen, Bakterien, Viren und konkurrierenden Pflanzen. Sie können aber auch der Anlockung für die Bestäubung, die Samenverbreitung, Symbiosen oder Wirtspflanzen dienen. Die dritte große Gruppe ist der Schutz vor abiotischen Faktoren wie Temperatur, UV-Strahlung, Verdunstung und Wind. Sie entstehen in verschiedenen Stoffwechselprozessen der Pflanze.
Die wichtigsten Gruppen haben wir euch hier einmal zusammengefasst:

Was heißt „artenreich“?
Wenn man diese breite Palette an Einflüssen sieht, dann wird auch schnell klar, warum sekundäre Pflanzenstoffe ein wichtiger Bestandteil einer gesunden Pferdefütterung sind. Sie nehmen Einfluss auf den Stoffwechsel, das Darmmikrobiom, das Immunsystem, das Lymphsystem und noch so viel mehr. Und dann kommen wir mit unseren heutigen Wiesen und damit auch dem Heu. In der freien Natur nehmen Pferde am Tag etwa 40-60 verschiedene Pflanzenarten zu sich. Wenn wir uns die klassischen Pferdeweiden anschauen, dann gilt diese schon als artenreich, wenn man 20 und mehr Pflanzenarten findet. Und selbst das ist in Zeiten von dominanten Süß- und Turbogräsern schon selten zu finden. „Unkraut“ wie Brennnesseln, Sauerampfer, Disteln und Löwenzahn werden bekämpft. Im Heu möchte man keine harten Stengel haben oder gar etwas, was piekst und sticht. Diese Entwicklung sorgt dafür, dass in der heutigen Pferdefütterung ein Defizit im Bereich der sekundären Pflanzenstoffe entsteht, welches sich auch auf die Gesundheit der Pferde auswirken kann.
Das Thema der Artendiversität ist zum Glück etwas, was in der Landwirtschaft schon länger wieder in den Fokus gerückt wurde. An Universitäten laufen dazu Projekte speziell auch auf Pferdebetriebe bezogen. Auch der VFD macht das Thema immer mehr zum Thema. Und das ist total schön zu sehen. Denn es wäre natürlich am einfachsten, wenn wir unseren Pferden zukünftig wieder Lebensräume bieten können, die ihren natürlichen Bedürfnissen entsprechen. Wenn Pferdeweiden in Zukunft wieder zuckerarm und artenreich sind und wir Heuwiesen haben, auf denen deutlich mehr als nur Gras wächst. Fragt man jedoch Experten dazu, dann ist diese Rolle rückwärts, je nachdem wen man fragt, gar nicht mehr möglich oder würde Jahrzehnte dauern. Wir arbeiten selber seit über 10 Jahren daran auf unseren Heuwiesen wieder mehr Arten anzusiedeln. Auch wenn unser Landwirt immer noch mit dem Kopf schüttelt, wenn wir Unkraut aussäen. Es ist ein Erfolg zu verzeichnen, aber wir müssen ständig dranbleiben. Sonst würden die Kräuter wieder verdrängt werden.
Was kannst du tun?
Doch natürlich könnt ihr eurem Pferd auch jetzt sofort schon dabei helfen, dieses Defizit im Bereich der sekundären Pflanzenstoffe besser ausgleichen zu können. Die einfachste Möglichkeit dazu sind Snackspaziergänge. Also gezielte Spaziergänge in den Wald oder zu wilden Wiesenrändern, wo euer Pferd sich gezielt das aussuchen kann, was es braucht. Jetzt denken bestimmt viele: „Na da wird er/sie einfach alles fressen, was er findet“. Das ist anfangs auch oft so. Aber wir bekommen immer wieder das Feedback, dass die Pferde schon nach kurzer Zeit beginnen gezielt zu suchen und zu selektieren. Ein ähnlicher Ansatz ist es, eurem Pferd täglich einen Strauß Kräuter und Pflanzen mitzubringen, die ihr gesammelt hat. Und ja, das geht auch jetzt im Winter. Denn Rinden und Blätter und auch einige Winterpflanzen findet man auch jetzt noch. Auch das Anlegen einer Kräuterkiste ist eine Möglichkeit. Dabei schützt man die Kräuter mit einem Gitter, sodass sie nicht ausgerupft werden. Die Pferde können dann alles fressen, was durch das Gitter wächst. Und natürlich gibt es auch Produkte, die man seinem Pferd zufüttern kann. Das Pferdgerecht Futter Natur oder die Hunsrücker Trift von PerNaturam sind zum Beispiel Futtermittel, die eine artenreiche Mischung im Sack bietet. Das Fundamentum von succi recentis officinalis ist ein Futtermittel, welches speziell für die Ergänzung von sekundären Pflanzenstoffen entwickelt wurde. Oder auch Kräutermischungen wie der WK-Mix von cdVet, die Landschaftsmischungen von PerNaturam oder die Jahreszeitenmischungen von Okapi sind tolle Ergänzungen für den Speiseplan.
Schaut einfach, was für euch gut umsetzbar ist. Vielleicht habt ihr auch schon eine Haltung, in der eure Pferde Zugang zu vielen Bäumen, Büschen und artenreichen Wiesen haben. Vielleicht gibt es auch die Möglichkeit bei euch im Stall Sträucher und Büsche zu pflanzen. Oder ihr macht mit eurer Stallgemeinschaft gemeinsam eine Kräuterkiste, die auf dem Putzplatz steht und wo ihr mit den Pferden snacken gehen könnt. Es gibt so viele Möglichkeiten, die ich inzwischen als Ideen und Bilder geschickt bekommen habe. Und es ist so toll zu sehen, wie viel Spaß dabei in der Umsetzung entsteht! Denn wie immer gilt: Dieser Text soll keine Panik machen. Er soll die Augen dafür öffnen, dass eine natürliche Pferdefütterung weit mehr ist als nur die Frage, welches Mineralfutter man nehmen kann. Unser Wunsch ist es, dass wir uns immer weiter mit den natürlichen Bedürfnissen beschäftigen und unsere Fütterung und unseren täglichen Umgang immer wieder daran messen. Denn das sind wir unseren Pferden einfach schuldig.
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