Alle Fruktanampeln lügen! Wirklich?
Aktuell bekommen wir viele Nachrichten von verunsicherten Pferdebesitzern. Die Aussage, dass kalte Nächte und sonnige Tage den Fruktangehalt im Gras Ansteigen lassen, soll ein Übersetzungsfehler sein. Noch viel mehr wird behauptet, dass die Autorin einer bekannten Studie dazu, Kathryn Watts, sogar explizit empfehle Pferde (in Bezug auf Hufrehe) am Morgen auf die Weide zu lassen, weil da der Fruktangehalt am niedrigsten sei.
Eine starke Behauptung, besonders wenn man bedenkt, wie vielen echten Experten hier der Vorwurf gemacht wird auf einen Übersetzungsfehler reingefallen zu sein. Sind halt doch alles nur Abschreiber, oder?
Schauen wir uns das mal genauer an. In dieser Studie wurden verschiedene Grasproben (regional, Jahreszeit, etc.) am Morgen und am Abend genommen und die NSC (nicht strukturelle Kohlenhydrate) ausgewertet. Zu diesen zählt neben anderen Zuckern eben auch Fruktan. Dabei kam tatsächlich heraus, dass dieser Wert am frühen Morgen immer am niedrigsten waren. Das war aber keine Überraschung, denn genau deswegen mähen wir Heu zum Beispiel möglichst früh am Morgen. Im Normalfall erzeugt die Pflanze in einem Prozess Energie in Form dieser NSC, die dann wiederum in Größenwachstum durch die Umwandlung in Strukturkohlenhydrate wie Zellulose, Lignin und Co umgesetzt wird. Ganz platt erklärt, überhaupt nicht wissenschaftlich wertvoll.
Was in diesem Versuch aber nicht gemacht wurde: Proben zu einem Zeitraum mit Nächten im einstelligen Bereich und Tagen mit viel Sonne untersucht. Das lag schlichtweg daran, dass diese Gegebenheiten im Versuchszeitraum nicht vorlagen. Es waren immer Nächte im zweistelligen Bereich und verschiedene Tagessituationen. Ein Übersetzungsfehler lag also definitiv nicht vor.
Aber empfiehlt Kathryn Watts Rehepferde auch bei kalten Nächten auf die Weide zu stellen?
Ein klares Nein. In einem Fachartikel dazu erklärt sie noch einmal genau die Faktoren und fasst zusammen: „Proactive owners may choose to remove high risk animals completely during times when NSC peaks, such as when night time temperatures are below 40 degrees F (5 Grad Celsius) or at the onset of severe druoght.“ Verantwortungsvolle Pferdebesitzer sollten ihre Rehepferde während Zeiten von kalten Nächten oder Trockenheitsstress im Idealfall sogar ganz von der Wiese nehmen, aber mindestens die Weidezeit deutlich reduzieren.
Natürlich gibt es auch Untersuchungen, die die Anreicherung von Fruktan, bzw. NSC bei kälteren Temperaturen untersucht. Hier zum Beispiel in Bezug auf zwei Lieschgrassorten:
In der folgenden Untersuchung wurde die These an verschiedenen Grassorten getestet, ob die Fruktaneinlagerung bei kälteren Temperaturen steigt im Vergleich zu anderen Kohlenhydratformen. Ein Ergebnis der Untersuchung war, dass sich Fruktane in Pflanzen dann anreichern, wenn die Kohlenstofffixierung die pflanzlichen Transportprozesse und Verwertung übersteigt. Das heißt wenn ein Ungleichgewicht zwischen Quelle und Senke (Source-Sink-Relationship) besteht. Das ist zum Beispiel dann der Fall, wenn viel Licht zur Verfügung steht, das Wachstum aber durch Kälte, Trockenheit oder Nährstoffmangel eingeschränkt ist. Also zum Beispiel bei kalten Nächten und sonnigen Tagen. Hier die Untersuchung:
Kann man daraus ableiten, dass es ungefährlich ist, Rehepferde bei kalten Nächten am Nachmittag auf die Wiese zu stellen? Wieder ein klares Nein. Denn, ob der Fruktangehalt des Grases am Tag abnimmt oder nicht, hängt auch wieder von vielen verschiedenen Faktoren ab. Deswegen wäre unsere Empfehlung auch immer vor allem die Weidezeit in solchen Situationen zu reduzieren. Bei gefährdeten Pferden die Weidezeit vielleicht sogar am besten zu beenden, wenn im Herbst die kalten Nächte beginnen.
All das berücksichtigt jetzt natürlich auch noch gar nicht, dass Fruktan ja gar keinen direkten Einfluss auf den Blutzucker des Pferdes hat. Es berücksichtigt auch nicht, dass Fruktan vielleicht auch für viele andere Pferde ein Thema sein kann. Oder dass die anderen nicht-Strukturkohlenhydrate vielleicht noch viel mehr Relevanz für das Thema Hufrehe haben. Völlig vernachlässigt sind natürlich auch die verschiedenen Grassorten, die das Thema mehr oder weniger brisant machen. Und noch so viel mehr.
Aber sind die Fruktanampeln dieser Welt deswegen falsch und alle auf einen Übersetzungsfehler reingefallen? Definitiv nicht. Sie versuchen wie so oft komplizierte Prozesse einfach darzustellen und eine Orientierung zu geben. Und wer weiß wie viele Pferde sie trotz ihrer wissenschaftlichen Ungenauigkeit schon vor einer Hufrehe bewahrt haben. Denn es ist sicher noch kein Pferd an Hufrehe erkrankt, weil sein Besitzer in Sachen Weide zu vorsichtig war.



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